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Plädoyer für bedingungslose Grundeinkommen

Verfasst von ryszard am 2. Februar 2010 - 12:53.

Ein Wort zum Sonntag. Plädoyer für bedingungslose Grundeinkommen

„Wenn Du also mein Recht auf Existenz in Frage stellst, weil Du meine Arbeit nicht brauchst, und hinterher fragst, wofür ich vom Staat überhaupt bezahlt werde, dann sage ich Dir folgendes: Das Geld bekomme ich, dass ich nicht zu Dir komme, und Dich und Deine Familie niederschlagen muss. Dass Ich Dein Heim nicht plündere, und wenn ich besonders schlecht gelaunt bin, auch niederbrenne. Und ich komme nicht allein. Mit mir kommen hunderte meinesgleichen und verbrennen die Häuser von deinesgleichen. Weil wir das Böse sind. Du hättest mich gern per Gesetz ausradiert, als störenden Kostenfaktor. Gezwungenermaßen lösche ich Deine Existenz „traditionell“ aus. Ich bin die Verkörperung des Bösen, und wie Jean-Jacques Rousseau in „Der Gesellschaftsvertrag“ bin ich der Meinung, dass „Jeder Mensch hat das Recht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, ums es zu erhalten“. Paradoxerweise, und dieses Paradoxon hast Du selbst geschaffen, setze ich Dein Leben aufs Spiel! Verstehst Du jetzt, wofür DEIN Staat mir Taschengeld gibt?“

Man sagt, dass der Mensch sich vom Zwang der Natur befreit hat, um sich dem Produktionszwang zu unterwerfen. Da die Unverträglichkeit des Überflusses einerseits, und die Ungerechtigkeit andererseits die Menschenwürde sukzessive vernichtet, muss sich der Mensch von der Arbeitsliturgie und dem Produktionszwang befreien. Die Moralapostel ungeklärter Herkunft, meistens aus den politischen Lagern, haben viele Gründe, diesen natürlichen Umdenkungsprozess zu verhindern. Wenn es ihnen nicht gelingt, das Arbeitsethos zu reanimieren, und nach Gott auch die Arbeit stirbt, so gibt es einen wichtigen Grund weniger sie zu wählen. Eines hat die Politik von der Kirche gelernt: nämlich zu predigen, wenn es für Handlungen keinen Spielraum mehr gibt. Man hätte gerne den Dekalog um ein weiteres Gebot erweitert: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot erwerben“, der bei der postindustriellen klassenlosen Massengesellschaft Schuldgefühle erzeugt, dass sie sich noch mehr anstrengen ihre eigene Misere zu genießen. Woran geglaubt werden sollte, ist vor allem die moralische Überlegenheit der Arbeit über die Bezahlung. Die Arbeit selbst ist die Belohnung, die Buße, das Alpha und Omega der frommen Bürgerschaft. Wer daran glaubt wird heilig. Die mit der Erbsünde geborenen Christen, die ihre Schuldgefühle mit sich tragen, sind verständlicherweise auch Verpflichtungen, konsequent den Forderungen ihres Erlösers nachzukommen. Was ist aber mit den „unbelasteten“ Ungläubigen, deren Seelen nicht gerettet wurden, die kein schlechtes Gewissen haben, dass der Arbeitsmarkt sie nicht braucht, und sich dafür nicht schämen wollen? Die Mehrheit akzeptiert die neue Moral der individuellen Verantwortung (für das kollektive Versagen der Anderen), gehorsam und naturgemäß schweigend. Um nicht als ausgestoßen angesehen zu werden (denn nur ein vermittelbar, werktätiger Mensch hat ein rechts auf Würde), lassen sich die mittellosen Ex-Arbeiter auf jenem Arbeitsmarkt, der für ihre Demütigung mitverantwortlich ist, regelrecht prostituieren. Von Menschen die 20 Jahre in einem Betrieb gearbeitet haben, Flexibilität zu verlangen, ist eine Unverschämtheit! Nicht nur die Verfassung, sondern auch der Bürger selbst, muss immer öfter vor dem Kalkül der politischen Angriffe geschützt werden. Die Würde des Menschen wird so oft angetastet, dass man schon an ihr zweifelt und nach neuen Definitionen sucht, damit die Relevanz des Grundgesetzes erhalten bleibt. Der Aufruf zur Selbstverantwortung bewegt in den Massen eine Welle des sozialen Kannibalismus. Jeder der den Ekel der täglichen Selbstjustiz-Vorführung aushält, wird davon überzeugt, dass der Mensch kein „Intelligent – Design“ sein kann. Das „sozialbenachteiligte Milieu“ in ihren Vormittagssendungen beklagt und beschimpft sich gegenseitig als asozial und präsentiert stolz, die eigene Bereitschaft um jeden Preis zu arbeiten. Man kann sich leicht vorstellen, wie dieses Abscheuliche Spektakel den Wohlhabenden amüsieren muss, wenn sie das sehen. Der große Erfolg der Minderwertigkeit ist, wenn alle ihr Elend Teilen müssen. Trotz der demütigenden unterbezahlten Leiharbeit, sucht der Mensch nach neuen Möglichkeiten weiter gedemütigt zu werden. Bertolt Brecht hat das gut formuliert: „Die Unzufriedenheit von Arbeitern sei nicht so sehr durch die Ausbeutung verursacht als durch die Weigerung der Unternehmer, sie weiter auszubeuten“. Die moralische Erneuerung des Kapitalismus sollte mit der Umkehrung des bis jetzt geltenden Paradigma beginnen. Nicht der, der die Regel bricht soll gewinnen, heißt es. Wir dachten allerdings, dass das eine Selbstverständlichkeit sei. Trotzdem muss man davon ausgehen, dass die Stabilisierung des Marktes weiter mit der Destabilisierung der Gesellschaft bezahlt wird. Eine Kuriosität in der Demokratie ist, dass in einem Rechtstaat die politisch-wirtschaftliche Komplizenschaft unsere Existenz mehr negativ verändert, als die Legalität und selten aufgetretene Rechtschaffenheit, sie neutralisieren kann. Es ist ein schockierendes Merkmal unserer Zeit, eine Spitze moralischer Heuchelei, einen Mord zu bestrafen, während der langfristige, erniedrigende Tötungsprozess der Existenzgrundlagen von Arbeitslosen, nur als „systemimmanent“ angenommen wird. Ein Minimum an Gerechtigkeit sind wir uns Menschen schuldig und zwar unabhängig davon unter welchem politischen System man zu leben hat. Wenn die grundliegende soziale Gerechtigkeit gewährleistet wird, dann ist es egal welche Farbe die Regierung hat. Die Schriftstellerin und Sozialkritikerin Viviane Forester, fragt direkt: "Muss man zu leben verdienen, um das Recht zu leben zu haben“? Kein Moralapostel wagt sich das zu bejahen, auch wenn die Konsequenzen ihrer Predigten solch einen Zustand nicht ausschließen. In der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte Art.1, ist zu lesen: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten“. Es heißt aber nicht, dass der Mensch „freiwillig“ geboren ist. Diese Selbstverständlichkeit des ursprünglichen Determinismus, der uns von Anfang an begleitet, sitzt in den Orten, in der Zeit und den Umständen unserer irdischen Erscheinungen, wie Ausgangs-Parameter die uns vorgegeben sind. In den westlichen Industrieländern geboren zu sein, ist gewiss ein vergleichbares Glück, bedeutet aber, aus dem marktwirtschaftlichen Produktions- und Konsumkreis nicht einfach entkommen zu können, wenn das „Glück“ zu einer Falle wird. Jeder ist in der wirtschaftlichen, politischen und religiösen Wirklichkeit seiner Eltern gefangen, ohne ein Widerspruchsrecht zu haben. Der Fatalismus der Geburt, ist nur mit der Endgültigkeit einer lebenslangen Haftstrafe zu vergleichen. Haben wir als Gesellschaft das Recht Menschen die sich andere Ziele setzen, als die offizielle bürgerliche Moral bevorzugt, zu einem permanenten Casting zu zwingen, oder sollten wir nicht ihre letztendlich harmlose Untätigkeit (Passivität ist selten feindlich und aggressiv) respektieren und akzeptieren? Eine Zusicherung des Existenzminimums für „Aussteiger“ und Verlierer sollte eine Pflicht des Staates sein, ähnlich wie die obligatorische Verpflegung eines Sträflings, und das aus dem einfachen Grund, weil sie Menschen sind. Wie kann man erklären, warum die Politik ein bedingungsloses Grundeinkommen dem Menschen verweigert, während die in Gefängnissen eingesperrten Kriminellen jahrelang bedingungslos unterhalten werden. Humanismus, anders als Rassismus der unterscheidet und trennt, ist übergreifend und Bedingungslos. Sogar im Umgang mit Tieren, strengen wir uns an, human zu sein. Weshalb ist das mit den Schwachen nicht möglich? Konsequenz eines bedingungslosen Humanismus im 21.Jahrhundert, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen, und nicht deshalb weil es Finanziell möglich ist, sondern ethisch unabdingbar. Die allgemeine Befürchtung, dass die Einführung von bedingungslosem Bürgergeld eine generelle Faulheit verursachen würde, ist absurd. Solange keine moralgerechte Zwangsarbeitslager entstehen werden, jede Befürchtung der Arbeitsverweigerung ist unbegründet. Ein bescheidenes Leben mit einem Grundeinkommen ist nicht jedermanns Sache. Da nur intelligente Menschen sich nicht langweilen, lässt sich die Mehrheit gern beschäftigen um ihrem Tag einen Inhalt zu geben und damit auch den Lebensstandart zu verbessern. Die ehrenamtlichen Tätigkeiten, über die z.Z. viel diskutiert wird, und ihr bis jetzt nicht ganz benutztes Potential, werden von der Einführung des Bürgergeldes sicherlich auch profitieren. Der von dem Existenzängsten befreiter Mensch kann effizienter und engagierter arbeiten als unter permanentem Stress. Eine Faulheits- Epidemie wird es nicht geben und die Welt geht nicht unter durch den faulen Nichtstuer, sondern erstickt in seiner konsumkonforme Überproduktion und Vollzeit - Beschäftigung. Die Chinesen sagen, dass 2/3 des vollgefüllten Magens dem Menschen zu Nutze sei, und 1/3 den Arzt unterhält. Die ungebremste Unersättlichkeit der Konsumgesellschaft bringt Krankheit, Armut, Umweltverschmutzung und unterhält die Parasiten, Spekulanten und Scharlatanen. Nicht nur von industriellem Abfall ist die Welt vermüllt. In die Biosphäre schwebt auch Ideologischer Schrott, und der Wahnsinn des wirtschaftlichen Wachstums gehört dazu. Fast jeder, nach seinem ersten Bedürfnis gefragte Arbeitslose, wird somit die Arbeit vermissen. Man könnte denken, dass er tatsächlich lebt, um zu arbeiten. Nur auf den ersten Blick scheint eine solche Aussage richtig zu sein. Das ist allerdings die Logik eines Belohnungssystems, der „Klassische Konditionierung“ des enthumanisierten Kapitalismus. Warum braucht der Arbeitslose kein Geld, was eine direkte existentielle Notwendigkeit wäre? Dass das Geld durch die Arbeit zu erwerben ist, weiß doch jeder. Die verkehrte Reihenfolge verrät, wie die Sklaven-Logik in unserem Nervensystem „ein gepredigt“ wird. Das Ansehen der Arbeit als primäre Lebensnotwendigkeit, ist eine Selbstdegradierung zur wirtschaftlichen Rentabilität, als ob nicht der Mensch dass Maß aller Dinge wäre, sondern der Profit. Auch die sozialisierende Funktion der Arbeit wird weit überschätzt. Die sozialen Bindungen sollen auch außerhalb des Arbeitsplatzes entstehen dürfen und Eigeninitiative erfordern. Freiwillig angeknüpfte Beziehungen sind in die Regel dauerhafter und gleichzeitig einfacher abzubrechen. Die für einen Hungerlohn schuftenden Menschen durch Arbeit zusammen zubringen, gelingt selten, und besonders nicht in einer permanent angespannten Arbeits-Atmosphäre, die von Leistungsdruck und Konkurrenzgeist durchdrungen ist. Die dunkle Seite dessen, dass viele Menschen gegen ihre Vorstellungen und Fähigkeiten, jede Arbeit nehmen zu müssen, ist Mobbing, permanente Frustration, Qualitätssenkung, Nomadisierung des Lebens und Depressionen. Die Existenz eines, bis zur selbst-Deformation getriebenen „flexiblen“ Menschen, der vom Morgen bis zum Abend um die Selbstversorgung kämpft (Multijobber), unterscheidet sich kaum von der Existenz eines Tieres, dessen einzige Tätigkeit und Sorge die ständige Nahrungsbeschaffung ist. Ist das DER Fortschritt, den man nach 5000 Jahren Menschengeschichte erreicht hat? Oder steht er wieder am Anfang seiner Entwicklung? Die Verfügbarkeit von Zeit ist einer die wichtigste Voraussetzungen für die bürgerliche Freiheit, wenn nicht von Freiheit überhaupt. „Zeit zu haben“, darf nicht ein Luxus sein, sondern ein Recht. Ein durch Arbeit „besetzter“ Mensch, ohne Zeit für persönliche Entwicklung, kann weder der Kulturträger noch dessen Empfänger sein. Die Kultur braucht Menschen, die Zeit haben. Eine Zivilisation ohne Kultur wird barbarisch.

Nun, mit Drohungen und
Verfasst von tzs am 2. März 2010 - 12:34.

Nun, mit Drohungen und Gewalt werden wir sicher keine würdevolleren Lebensniveaus erreichen. Das Geld erhalten nicht-Arbeitende sicher nicht allein zur Ruhigstellung - es stellt wohl vor allem auch eine Art der Wirtschaftsförderung dar, dennn was geschähe, wenn all die Arbeitslosen nichts mehr kaufen würden?

Der Text oben findet sich auch auf

www.vafpage.de/ansichten.html & http://fluechtigenotizen.wordpress.com/2009/02/24/missfelder-cdu-sozials....

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