Einfach ist die Unterscheidung sicher nicht. Politik und Medien machen es sich offenbar einacher als die Wissenschaft. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, angesichts der „Schwarzen Listen“ der EU und USA, in denen terroristische Organisationen gelistet sind (siehe unten als PDF-Kopie; Stand2008). In wissenschaftlicher Sicht ist die Zuordnung nicht einfach; dies vor allem, da Terrorismus und (Guerilla-)Krieg oft Hand in Hand gehen, Guerillas wie auch Terroristen entweder eng mit der Organisierten Kriminalität verwoben oder selbst kriminell aktiv sind.
Krieg
Krieg zeichnet sich dadurch aus, dass bestimmbare Kombattanten aufeinander treffen. Sie sind erkennbar anhand von Uniformen. Die Zivilbevölkerung sollte geschont werden, ja die Möglichkeit haben, sich gänzlich aus dem Krieg herauszuhalten. Reguläre Kriege respektieren weltweit gültige „Kriegsrechts“-Vereinbarungen, insb. das Haager (st. 1899) und das Genfer Abkommen (st. 1864) sowie UNO-Vereinbarungen. Kriege werden i.d.R. erklärt, (wobei es allerdings die These gibt, dass Kriege erst beginnen, sobald der Angegriffene sich wehrt; andernfalls wäre es eine Okkupation). Idealerweise konzentrieren sie sich auf die materiellen Ressourcen des Gegners sowie auf dessen Soldaten.
Guerilla
Auch Guerilla-Krieger (Rebellen; wertend: Freiheitskämpfer) wenden sich in erster Linie gegen reguläre Streitkräfte, meist jene des Landes, in dem sie aktiv sind oder gegen Invasoren – in Latein-Amerika auch gegen Paramilitärs. Guerilla-Armeen haben nicht die Ressourcen, offen gegen die gegnerische reguläre Armee anzutreten. Sie versuchen also durch vereinzelte Aktionen, die reguläre Armee zu schwächen. Dies ist dadurch möglich, den Krieg möglichst lange auf Sparflamme glimmen zu lassen: Reguläre Armeen sind aufgrund ihrer hohen Kosten (Ausbildung, Sold, Material) gezwungen, möglichst schnell eine Entscheidung(sschlacht) herbeizuführen und jegliche personelle wie materielle Verluste geringstmöglich zu halten, während Guerilla-Armeen profitieren, wenn sie den Kriegszustand lange aufrecht erhalten.
Guerilla-Armeen nehmen die Bevölkerung ihres Aktionsraum in eine Art Geiselhaft, insofern, da sie sich zwischen etwaigen Kampfhandlungen in die Zivilbevölkerung zurückziehen, dort ihren Lebensunterhalt bestreiten mögen und für die reguläre Armee kaum zu fassen sind, wenn nicht Zivilisten ins Kriegsgeschehen einbezogen werden sollen. Üblicherweise finanzieren sich Guerilla-Armeen über Schutzgelder von Zivilisten und kriminellen Organisationen oder sind selbst kriminell aktiv, im Handel mit Drogen, Edelsteinen und anderen Rohstoffen.
Guerilla-Armeen haben eine Tendenz zu wachsen (bspw. durch Beute), ihre Hierarchie auszubauen und sich somit zu professionalisieren, wodurch sie theoretisch einer regulären Armee immer ähnlicher werden.
Terrorismus
Auch Terroristen nehmen die Zivilbevölkerung in eine Art Geiselhaft, jedoch eher die des Gegners. Sie finanzieren sich über Spenden & Schutzgelder, zunehmend auch über kriminelle Aktivitäten im Drogen-, Waffen-, und Rohstoffhandel. Eine Unterscheidung zwischen klassischem und neuem Terrorismus erscheint sinnvoll.
Klassischer Terrorismus
Gemeinhin gilt die Narodnaja Wolja Ende der 1870er Jahre als erste Terrorgruppe: Politisch links orientierte Gegner des Zaren versuchten vergeblich, Bauern per Diskussionen zur Revolution zu bewegen. Nachdem eine Studentin nach einem Anschlag auf einen Petersburger Polizeichef freigesprochen worden war, verfielen auch die Anhänger der Narodnaja Wolja auf die Methode des Anschlages. Nach mehreren Versuchen hatten sie Zar Alexander II. umgebracht. In der Folge zerschlugen die russischen Autoritäten die Narodnaja Wolja. Das Kalkül klassischen Terrorismus’ war nicht aufgegangen:Unmittelbares Ziel klassischen Terrorismus’ ist es, dass der Angegriffene – i.d.R. die Regierung – restriktiv reagiert, und in der Folge die Masse der Bevölkerung unter den staatlichen Anti-Terrorismus-Aktionen leidet. Damit soll die Regierung in den Augen der Massen delegitimiert werden. Im Falle der Narodnaja Wolja war also die harsche Reaktion der Staatsautoritäten das Ziel des Anschlages: in der Erwartung, dass davon auch Bauern und Arbeiter betroffen wären und diese unzufrieden genug würden, um die Revolution zu beginnen. Ungünstig für die Narodnaja Wolja war, dass Zar Alexander II die Lage der Bauern und Arbeiter tendenziell verbessert hatte. Erfolg hatte sie insofern, dass der Nachfolger des Zaren viele Erleichterungen für die Bauern wieder zurücknahm, was die Revolution von 1918 möglicherweise begünstigte.
Der klassische Terrorist wird versuchen, den Gegner zu einer Reaktion zu verleiten, die die Lebenslage der Bevölkerung derart verschlechtert, dass diese einen Aufstand gegen die Regierung beginnt.
Soweit sich die Reaktion des Staates gegen die Terroristen wenden, hoffen diese auf Unterstützung (Spenden, Rückzugsräume, neue Terroristen) aus der Bevölkerung ihres Aktionsgebietes, sofern die Terroristen Interessen dieser Bevölkerungsmehrheit vertreten. Die Bevölkerungsmehrheit wird als „zu interessierender Dritter“ bezeichnet, der von Anschlägen nicht direkt berührt werden darf.
Im Falle der nord-irischen IRA gab/gibt es einen zweiten „zu interessierenden Dritten“, der durchaus Ziel der Anschläge sein kann. Der erste war ein Teil der nordirischen Bevölkerung, der zweite die britische Bevölkerung: Diese sollte mit den Anschlägen verunsichert werden, ihre Bereitschaft zu weiteren Verlusten sollte sinken, so dass sie ihre Regierung dränge, Nord-Irland in die Unabhängigkeit zu entlassen.
Ähnlich stellt es sich mit der baskischen ETA dar: Um ihre Legitimation aufrecht zu erhalten, sollte sie keine Basken umbringen, die sich für „baskische Interessen“ im Sinne der ETA einsetzen. Ziel sind Gegner der baskischen Unabhängigkeit, kastillische/spanische Politiker – und, als zweiter „zu interessierender Dritter“ die zentral-spanische, insb. Madrider, Bevölkerung.
Spenden, Schutzgelder, Bankraub und auch Entführungen sind die wesentlichen Einnahmequellen klassischer Terroristengruppen. Ihr wesentliches Ziel ist deutlich: meist die politische Unabhängigkeit einer Region oder Bevölkerungsgruppe. Ihr Aktionsradius ist daher auch regional begrenzt, wenngleich verschiedene Gruppen seit den 1970ern Verbindungen untereinander eingingen, offenbar weniger ideologisch basiert als pragmatisch: Ausbildung, Rückzugsräume, Waffen.
Neuer Terrorismus
Der „neue Terrorismus“ ist vor allem transnational tätig, international verzweigt und tätig, in unterschiedlichen Regionen mit anderen terroristischen Organisationen kooperierend und in vielen Fällen offenbar sich selbst genügend. Zudem ist das Ziel weniger deutlich formuliert: Im Falle der „al quaida“ beschränkt es sich augenscheinlich auf die Ablehnung westlichen Kapitalismus’ und Christentums, richtet sich aber auch gegen weniger strenggläubige Anhänger des Islam – ein Ziel, dessen Realisierung einen Hauch von Glaubwürdigkeit hat, ist nicht erkennbar.
Daher ist auch der „zu interessierende Dritte“ nicht eindeutig definierbar, so dass nahezu jeder Opfer der „al quaida“-Anschläge werden könnte – einschließlich der islamischen Gläubigen.
Zumindest im internationalen Kontext ist beim neuen Terrorismus keine Bevölkerungsgruppe zu bestimmen, die durch die Anti-Terror-Reaktionen der Staaten zum Aufstand bewogen werden könnte. Jedoch rekrutiert der neue Terrorismus offenbar weltweit Anhänger – „erfolgreiche“ Anschläge, die umfangreich von den Medien verbreitet werden – genügen als PR-Aktionen. Insofern scheinen beim neuen Terrorismus die unmittelbaren Auswirkungen der Anschläge wichtiger: Der Zerstörung von Infrastruktur und Verängstigung vermeintlicher Gegner, genauso wie der Rekrutierung von neuen Anhängern, derer viele in regionalen, eher kriegerischen Konflikten als irreguläre Soldaten eingesetzt werden.
Literatur:
- Aust, Stefan: Der Baader Meinhof Komplex; 1998 (über die RAF)
- Bendel, Petra; Hildebrandt, Mathias: Im Schatten des Terrorismus; Wiesbaden 2002
- Ehrke, Michael: Zur politischen Ökonomie post-nationalstaatlicher Konflikte
- Gantzel, Klaus Jürgen: Neue Kriege? Neue Kämpfer? (Arbeitspapier Uni HH), Hamburg 2002
- Gunaratna, Rohan (Hrsg.): Terrorism in the Asia-Pacific; Singapure 2003
- Hirschmann, Kai... (Hrsg.): Terrorismus als weltweites Phänomen; Berlin 2000.
- Hobe, Konrad: Zur ideologischen Begründung des Terrorismus, Bonn 1979
- (!!) Hoffmann, Bruce: Terrorismus – der unerklärte Krieg - Neue Gefahren politischer Gewalt; 2003
- Jacquard, Roland: Die Akte Osama Bin Laden; München 2001
- (!!) Lewis (von Eichborn), Bernhard: Die Assassinen. Zur Tradition des … (Die Andere Bibliothek); 2001
- Lewis, Bernhard: „Der Terror ist antiislamisch“ (Interview) in: Die Welt (11. Januar 2003)
- (!) Münkler, Herfried: Die neuen Kriege…
- Münkler, Herfried: Gewalt und Ordnung - das Bild des Krieges im politischen Denken; Frankfurt a.M.1992
- Münkler, Herfried: Vom Krieg zum Terror. Das Ende des klassischen Krieges, Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung Nr. 1720. Mit Illustrationen von Martial Leiter, Zürich 2006
- Münkler: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – Vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2007
- Peter Fonk: Frieden schaffen – auch mit Waffen?, in: Beiträge zur Friedenspolitik; Stuttgart, 2003
- Preißler, Holger: Der Nahe Osten in der Geschichte des Terrorismus, (Ring-VL Uni Lpz), Leipzig 2003
- Rashid, Ahmed: Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad; 2001
- Mair, Stefan: Die Globalisierung privater Gewalt (SWP Studie), Berlin 2002
- Woit, Ernst / Scheler, Wolfgang (Hg.): Kriege zur Neuordnung der Welt: Imperialismus und Krieg nach dem Ende des Kalten Krieges; Berlin 2004
externe Links
- Definition & Liste terroristischer Organisationen: Europäische Union (siehe auch Anhang PDF; Stand 2006): eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2006:144:0025:0029:de:PDF
- Definition & Liste terroristischer Organisationen: USA (siehe auch Anhang/PDF; Stand 2005)
www.state.gov/s/ct/rls/fs/37191.htm - historischer Überblick in "Die Zeit": "Mit Bomben und Pistolen":
http://images.zeit.de/text/2004/26/Essay_Wesel - Terrorismus-Geschichte: geostasto.eco.uniroma1.it/tedesco
- RAND-MIPT Terrorism Incident Database Project:
www.rand.org/ise/projects/terrorismdatabase
| Anhang | Größe |
|---|---|
| EU-Def_und_List_auslnd_TerrorOrgs.pdf | 43.65 KB |
| US-Def_und_List_auslnd_TerrorOrgs.pdf | 162.74 KB |


